Wofür stehen die 1970er Jahre? Viele denken dabei an eine „wilde“ Zeit – und das nicht ohne Grund. Es war eine Ära voller spannender und turbulenter Ereignisse wie der Ölkrise und der Watergate-Affäre, aber auch geprägt von ausgelassenen Momenten wie dem Disco-Fieber und dem Flower-Power-Hype. Doch es gab noch etwas anderes, Wildes, das vor allem in Deutschland die migrantische Streikkultur und Anerkennungskämpfe nachhaltig beeinflusste: der „Wilde Streik“ bei Ford in Köln und der Pierburg-Streik in Neuss im Jahr 1973. Diese Streiks waren nicht nur kurz und heftig, sondern prägen bis heute die migrantische Erinnerungskultur in Deutschland.
Diese Ereignisse sind für mich auch persönlich bedeutsam. Mein Vater kam 1969, kurz nach meiner Geburt, als sogenannter „Gastarbeiter“ nach Köln und fand sofort eine Anstellung bei den Ford-Werken. Er arbeitete dort bis 1973, bevor er kurz vor dem „Wilden Streik“ in die Chemiebranche zu Bayer Leverkusen wechselte. Schon in meiner Kindheit wurde bei uns zu Hause oft über den Streik gesprochen, sodass er mich nachhaltig schon in jungen Jahren beschäftigte. Mein Vater berichtete immer wieder, wie der „Fordismus“ eine ganz eigene Form des harten Kapitalismus verkörperte: „Es war Kapitalismus pur!“. Diese Erzählungen haben mich geprägt und später dazu inspiriert, mich auch in meiner akademischen Laufbahn intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen.
In meinen Lehrveranstaltungen zur „Politische Bildung in der Migrationsgesellschaft“ an der Universität zu Köln habe ich versucht den Studierenden auch Einblicke in die Erinnerungsgeschichte der Migrationsgesellschaft zu bieten. Zweifelsohne bildet der Ford-Streik 1973 einen wichtigen Meilenstein in der Erinnerungsgeschichte nicht nur der Migration, sondern der ganzen Gesellschaft. Durch Recherchen, Filme, Textanalysen und Zeitzeugenberichte habe ich Studierende auch mit dem „Wilden Streik“ bei Ford in Köln konfrontiert. Oft führte dies zu einem Aha-Effekt, da dieser Streik eine andere Form von Streik- und Streitkultur repräsentiert, die in der hiesigen Erinnerungskultur noch immer nachhallt.
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